Dieser Artikel ist eine Analyse der SECA Risikokapital 2025 Halbjahresbericht.
Die Entwicklung des Schweizer Risikokapitals in der ersten Hälfte des Jahres 2025 erscheint auf den ersten Blick solide. Das investierte Kapital stieg im Vergleich zum Vorjahr um 36% auf 1,47 Mrd. CHF. Doch hinter diesem Anstieg verbirgt sich eine fragile Realität: Das Transaktionsvolumen schrumpft weiter, das Kapital fliesst in eine begrenzte Anzahl von Sektoren und Phasen und das Vertrauen der Investoren ist von Widersprüchen durchzogen. Der jüngste Swiss Venture Capital Report, der gemeinsam von SECA und Startupticker.ch herausgegeben wird, zeigt keinen Markt im Aufschwung, sondern einen Markt, der mit seinen Abhängigkeiten und Ungleichgewichten zu kämpfen hat.
Drei Kräfte bestimmen den gegenwärtigen Zyklus: eine übermäßige Konzentration in der Biotechnologie, eine Kapitallücke für die Skalierung und ein Missverhältnis zwischen dem Optimismus der Investoren und der Sorge um das Portfolio. Während sich die Schlagzeilen auf Einhörner und Rekordrunden konzentrieren, erzählen die Daten eine prekärere Geschichte.
Biotechnologie als Rettungsanker - oder Rettungsboot?
Dominanz des Sektors durch einige wenige Mega-Deals
Im ersten Halbjahr 2025 flossen 705 Millionen Franken an Kapital in die Biotechnologie, fast die Hälfte des gesamten landesweiten Finanzierungsvolumens. Dies ist ein historischer Höchststand, der von einer Handvoll grosser Finanzierungsrunden getragen wird. Allein Windward Bio brachte 183,1 Millionen CHF ein. GlycoEra folgte mit 107,5 Mio. CHF. Beide Unternehmen befinden sich in der Frühphase, verfügen aber über sehr erfahrene Gründerteams und wissenschaftliche Pipelines im Spätstadium. Diese Abschlüsse unterstreichen die beispiellose Fähigkeit des Landes, akademische Forschung in investitionsfähige Unternehmen umzusetzen.
Das Investitionsvolumen scheint beeindruckend zu sein, aber es ist stark konzentriert. Sieben der zehn größten Investitionen entfielen auf die Biotechnologie. Fünf von ihnen befanden sich in der Frühphase. Dies bestätigt zwar die Stärke der Schweizer Biowissenschaften, birgt aber auch die Gefahr eines systemischen Ungleichgewichts. Ohne Vielfalt im Wachstum des Sektors bleibt der nationale Innovationsmotor der Zyklizität einer einzigen Branche ausgesetzt.
Die Gefahr einer unausgewogenen Innovationswirtschaft
Andere Sektoren haben Lebenszeichen von sich gegeben. IKT und Fintech verzeichneten eine Erholung des investierten Kapitals mit einem Anstieg von 86,3% bzw. 92,7%. Dennoch bleiben diese Zuwächse unter den Werten vor der Pandemie. Noch besorgniserregender ist die Entwicklung im Bereich Cleantech, wo sich die Kapitalbasis halbierte und das Transaktionsvolumen um fast 20% sank. Diese Entwicklung weicht deutlich von den Trends im Bereich der Klimatechnologie auf EU-Ebene ab, wo die Cleantech-Finanzierung durch eine erweiterte Anpassung der Subventionen und staatliche LP-Aktivitäten zunahm. Die schwache Leistung der Schweiz spiegelt eine strukturelle Fehlanpassung zwischen nationaler Politik und Risikobereitschaft wider.
Die Beschränkung des Kapitals auf einige wenige Biotech-Deals fällt auch mit einem Rückgang der Gesamtzahl der Finanzierungsrunden zusammen. Von 138 Finanzierungsrunden im ersten Halbjahr 2024 auf nur 124 im ersten Halbjahr 2025 hat die Schweiz nun drei aufeinanderfolgende Perioden mit sinkendem Transaktionsvolumen zu verzeichnen. Dieses Muster verdeutlicht, dass das Kapital nicht auf breiter Front, sondern vertikal in Richtung weniger, risikoärmerer Unternehmen fließt.

Scale-Up Kapital und Stage Mismatch
Die Frühphasenfinanzierung floriert, aber das Wachstumskapital stockt.
Seed- und Early-Stage-Runden bleiben aktiv. Die Seed-Finanzierung hat sich im Vergleich zu 2019 mehr als verdreifacht. In der Frühphase wurden Rekordsummen aufgebracht, wiederum begünstigt durch bedeutende Biotech-Unternehmen. Allerdings verschlechtert sich die Situation in der Spätphase. Im ersten Halbjahr 2025 wurden in Wachstumsrunden 660 Mio. CHF aufgebracht, 5,5% weniger als im Vorjahr. Im Jahr 2022 waren es mehr als 2 Mrd. CHF. Die Zahl der Transaktionen in der Spätphase ist sogar unter das Niveau von 2019 gefallen.
Diese Kompression ist nicht nur in der Schweiz zu beobachten. Weltweit haben sich Crossover-Investoren aus der Wachstumsphase zurückgezogen. Die Herausforderung für die Schweiz wird jedoch durch das Fehlen von inländischem Wachstumskapital noch verstärkt. Es gibt keine staatlich geführten Wachstumsfonds wie Tibi in Frankreich oder KfW Capital in Deutschland. Infolgedessen müssen sich Start-ups entweder im Ausland umsehen oder sie stagnieren zwischen Serie A und Exit.
Regionale Ungleichgewichte behindern eine breit angelegte Innovation.
Als Kapitalmagnet entpuppte sich Basel-Stadt, das 420,5 Mio. CHF aufbrachte - ein Allzeithoch für den Kanton. Zürich steuerte 449,7 Mio. CHF bei, doch sein Anteil am nationalen investierten Kapital fiel auf 30,5%, was für die Region einen historischen Tiefstand darstellt. Zug verzeichnete einen starken Aufschwung, während die Waadt trotz eines leichten Anstiegs der Finanzierungsrunden mit 168 Mio. CHF einen Fünfjahrestiefstand verzeichnete.
Diese Unterschiede deuten darauf hin, dass die nationalen Innovationsergebnisse nach wie vor stark von einigen wenigen Kernkantonen abhängig sind. Außerhalb von Basel und Zürich ist der Fluss von Risikokapital uneinheitlich und anfällig für makroökonomische Schocks. Ohne eine gezielte regionale Entwicklung wird sich die Innovation in der Schweiz weiterhin auf einige wenige Kantone konzentrieren, was ihre breitere wirtschaftliche Wirkung einschränkt.

Auslandsabhängigkeit, Ausreisesperre und Erhebungswidersprüche
Die Rettungsleine für die USA ist an Bedingungen geknüpft.
Im ersten Halbjahr 2025 entfiel mehr als ein Drittel des gesamten in Schweizer Start-ups investierten Risikokapitals auf US-amerikanische Investoren. Sie beteiligten sich an rund einem Viertel aller Finanzierungsrunden, wobei sie bei neun der siebzehn Biotech-Deals stark vertreten waren. Dieser Trend unterstreicht die globale Attraktivität der Schweizer Deeptech- und Life Sciences-Branche.
Die Abhängigkeit von amerikanischem Kapital führt jedoch zu externer Volatilität. Fast die Hälfte der Schweizer Investoren glaubt, dass sich politische Veränderungen in den USA - insbesondere unter der Trump-Regierung - negativ auf die internationalen Aktivitäten ihrer Portfoliounternehmen auswirken werden. Die Anfälligkeit für Währungsrisiken, Zölle und regulatorische Störungen nimmt zu. Eine diversifizierte ausländische Investorenbasis würde dieses Risiko verringern, aber die Schweiz ist nach wie vor stark verzerrt.

Ausgänge bleiben schwer fassbar und dämpfen den Recyclingkreislauf
Ausstiege sind nach wie vor Mangelware. Der Bericht hebt nur zwei bedeutende Ergebnisse hervor: Die Übernahme von Araris Biotech durch Taiho Pharmaceutical, die den Einhorn-Status sicherte, und der Börsengang von BioVersys im Wert von 80 Millionen CHF an der SIX Swiss Exchange. Im Bereich ICT gab es einen leichten Anstieg der Exits von sechs auf zehn, doch handelte es sich dabei meist um kleine Übernahmen mit begrenzten Auswirkungen auf die nachgelagerten Bereiche.
Dieser Mangel an Liquidität hat Folgen. Weniger Exits bedeuten einen begrenzten Kapitalrückfluss an LPs und Fondsmanager. Die Sekundärmärkte bleiben unterentwickelt. Das IPO-Fenster bleibt eng. Ohne stärkere Ausstiegsmechanismen werden selbst gut laufende Portfolios Schwierigkeiten haben, Kapital zurückzugeben, was sich auf künftige Fundraising- und Bereitstellungszyklen auswirken wird.
Die Stimmung der Anleger schwankt zwischen Optimismus und Zurückhaltung.
Die Investorenbefragung unterstreicht die Trends beim Kapital. Zwei Drittel der Befragten schätzen das Umfeld als gut ein. Achtundachtzig Prozent erwarten für das kommende Jahr mehr Geschäftsmöglichkeiten. Doch nur 72 Prozent planen eine Erhöhung der Neuinvestitionen. Die Kluft zwischen Optimismus und Handeln spiegelt die Vorsicht wider.
Vierundfünfzig Prozent der Befragten erwarten, dass die Einstiegspreise sinken werden. Fünfundvierzig Prozent rechnen mit weiteren Bewertungsabschlägen in ihren Portfolios - gegenüber 38 Prozent im Vorjahr. Viele dieser Abwertungen haben wahrscheinlich bereits stattgefunden, was entweder auf eine verspätete Anerkennung oder auf Überbrückungsrunden hindeutet, die den Bewertungsrückgang verdecken.
Die Aussichten für die Mittelbeschaffung sind ähnlich angespannt. Letztes Jahr erwarteten 27 % eine Verschlechterung der Bedingungen für die Mittelbeschaffung. In diesem Jahr ist diese Zahl auf 49 Prozent angestiegen. Kleinere Manager - insbesondere solche mit Fonds unter 50 Millionen Euro - stehen unter wachsendem Druck, da institutionelle LPs weiterhin risikoscheu sind. Wenn der nächste Fundraising-Zyklus ins Stocken gerät, wird die Fähigkeit des Ökosystems, neue Gründer zu unterstützen, geschwächt.
Strategische blinde Flecken und die fehlende Mitte
Der Ruf der Schweiz in der Biotechnologie ist verdient. Die Fähigkeit, Unternehmen mit klinisch fortschrittlichen Produkten und erfahrenen Managementteams zu lancieren, ist Weltklasse. Doch diese Stärke ist zu einer Krücke geworden. Die nicht-biotechnologischen Sektoren sind nach wie vor unterentwickelt und unterfinanziert. In den Bereichen IKT, Fintech, Cleantech und Frontier Tech gibt es nur wenige Wege für ein Scale-up, weniger Vorbilder und wenig Kapital für die Wachstumsphase.
Das Vakuum, in dem sich das Land in der Mitte seines Lebens befindet, spiegelt eine breitere europäische Herausforderung wider. Doch andere reagieren darauf. Die französische Tibi-Initiative hat 6 Mrd. EUR an Wachstumskapital mobilisiert. Die deutsche KfW Capital unterstützt Scale-up-Fonds. Die Schweiz muss noch einen vergleichbaren Mechanismus einführen.
Das inländische Kapital bleibt konservativ. Pensionsfonds und Versicherungsmanager investieren nur selten in Risikokapital. Family Offices investieren nur sporadisch, oft zusammen mit US-Partnern. Ohne einheimische institutionelle LPs, die bereit sind, Wachstumsfonds unter Schweizer Führung zu unterstützen, wird die Kapitalbildung weiterhin auf ausländische Quellen angewiesen sein.
Der Exit-Engpass verschärft das Problem. Bei wenigen Börsengängen und begrenzten Fusionen und Übernahmen wird der Kapitalkreislauf unterbrochen. LPs zögern. GPs ziehen sich zurück. Gründer zögern. Innovationen werden auf den Weg gebracht, aber selten skaliert.
Die Schweiz am Scheideweg
Der Schweizer Risikomarkt im Jahr 2025 steht an einem Scheideweg. Die Erfolgsgeschichten der Biotechnologie sind real, aber sie verbergen tiefere Schwachstellen. Die Kapitalströme in der Schweiz sind konzentriert, die Pipeline wird dünner, und die Stimmung der Investoren ist gespalten zwischen Chancen und Ängsten.
Es handelt sich nicht um eine Krise. Es ist ein Signal. Die Schweiz kann ihre Innovationsführerschaft ausbauen, indem sie ihren Fokus erweitert, inländisches Wachstumskapital stärkt und eine Infrastruktur für Liquidität aufbaut. Die nächste Welle von Schweizer Einhörnern wird nicht nur aus Labors in Basel kommen, sondern auch aus Labors für saubere Energie in Lausanne, aus Fintech-Plattformen in Zug und aus KI-Unternehmen in Zürich.
Um diese Zukunft zu erschließen, muss das Ökosystem aufhören, sich auf eine einzige Stärke zu verlassen, und damit beginnen, die gesamte Bandbreite auszubauen.
Referenzen
¹ PitchBook European Venture Report Q4 2024
² Swiss Venture Capital Report 2025 - H1 Update (SECA, Startupticker.ch)
CB Insights Bericht über den Stand des Risikokapitals im 2. Quartal 2025
⁴ EIF VC-Umfrage 2024 - Europäischer Investitionsfonds
⁵ OECD STI Outlook 2023 - Europäische Innovationslücken
⁶ Datenbank von Startup.ch (Zugriff Juli 2025)